Wir halten am Rand der Bundesstraße. Es ist ein heißer Frühsommertag, warmer Wind zieht über die fast meterhohe Wiese, sie ist nicht gemäht. Die langen Halme beginnen bereits auszutrocknen und eine gelbliche Färbung anzunehmen. Gerüche von sauren Gräsern mischen sich mit dem von heißem Asphalt, immer wieder rasen Autos vorbei.

Wir dringen direkt in den Gräserdschungel ein und bald knirschen unter unseren Schuhen die dicken, zähen Blätter der Sumpfgewächse. Das Feuchtgebiet ist jetzt trocken. In der Nähe sind innerhalb der Weite der Wiese große Inseln lanzettartiger Blätter auszumachen, jene der Iris sibirica, die Pflanze, für die ich die Patenschaft übernommen habe. Dieses „Ergehen“ des Naturraumes, das Suchen, das Annähern an einen festgelegten Punkt und das damit verbundene Aneignen scheint mir bereits zu Beginn der Auseinandersetzung mit dieser Arbeit Sabina Hörtners ein wesentlicher Aspekt der künstlerischen Arbeit zu sein.
An den auffälligen Pflanzen angelangt, arrangiere ich inmitten der langen, spitz zulaufenden Blätter die mitgebrachte Tafel, die ein Foto der Iris sibirica zeigt, das die Künstlerin zu deren Blütezeit hier vor etwa einem Monat gemacht hat. Gegenwärtig sind nur mehr vereinzelt Reste von Samenkapseln an vertrockneten Hülsen zu finden – die Pflanze zeigt sich durch diese Anbringung gleichzeitig in verschiedenen Stadien ihres Wachstums.
An dieser Anordnung von Pflanze und ihrem Abbild werde ich abgelichtet. Die Pflanze wird nicht wissenschaftlich isoliert dargestellt, sondern die Fotografie wird Beleg für ihre Zugehörigkeit zu diesem bestimmten – generell in seiner Vielfältigkeit gefährdeten – Lebensraum.
Die Patenschaften zielen primär auf eine Sensibilisierung ab und versuchen Aufmerksamkeit zu generieren für die Problematiken im Spannungsfeld der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der natürlichen Ressourcen und der starken Zersiedelung der Landschaft. Naturbelassenen Biotope werden immer weiter zurückgedrängt und drohen ganz zu verschwinden.

Diese Dokumentation meiner Patenschaft für die Iris sibirica wird – neben neun weiteren Patenschaften – Teil der künstlerischen Arbeit von Sabina Hörtner sein. Ten Days ist ein Artists in residence-Projekt der Initiative K.U.L.M. in Pischeldsdorf in der Oststeiermark. Zwei Künstlerinnen und ein Künstler wurden eingeladen, 10 Tage in Pischelsdorf ein ortsspezifisches Projekt umzusetzen.

Am Ort Pischelsdorf ist – wie an sehr vielen ländlichen Ortschaften – ein Wandel abzulesen, der die traditionellen Funktionen der Ortszentren, nämlich lebendiger Mittelpunkt des örtlichen Lebens zu sein, zunehmend an die nächstgrößeren Städte mit ihren Einkaufszentren am Stadtrand verschiebt. Die Ortskerne um die Kirchenbauten herum wirken ausgestorben, Geschäftslokale stehen leer, Gasthäuser haben den Betrieb eingestellt. In einem solchen leerstehenden Geschäftsgebäude hat Sabina Hörtner ihr temporäres Atelier eingerichtet.
Der loftartige Raum ist zur Straße hin ausgerichtet, man sieht auf eine Parkplatzfläche, es fahren nur sporadisch Autos durch. Menschen sind keine zu sehen. Der Atelierraum zeigt sich mit seinen feuchten Flecken an den Wänden nicht sonderlich charmant, aber es sind bereits die ersten Arbeiten gehängt, die im Rahmen des Projekts entstanden sind. Die Räumlichkeiten beginnen einen ganz besonderen Charakter zu entwickeln.
Bei Ten Days versammelt Sabina Hörtner in 10 Tagen 10 Menschen, die Patenschaften für bedrohte Pflanzen aus der Umgebung Pischelsdorf übernehmen. Neben den großformatigen fotografischen Portraits (von Pflanze und Patin/Pate) ist jeweils eine Zeichnung entstanden, die ausgehend von den Umrissen der Pflanzen, stark abstrahiert ein grundlegendes Spannungsfeld deutlich macht: das zwischen Natur und Kultur. Die vegetabilen Umrisse der Pflanzen werden kontrastiert durch den starren Raster der Linien der Zeichnung, die Pflanze ist weitgehend abstrahiert.
Das komplexe Zusammenspiel verschiedener künstlersicher Ausdrucksmittel in der Auseinandersetzung mit Natur manifestiert sich in der Aktion der Begehung als performative Handlung, der Fotografie als künstlerisches Mittel der Dokumentation davon und der Zeichnung als eine weitere Facette der Darstellung, die weit in die Abstraktion weist.
Gemeinsam bilden die unterschiedlichen Darstellungen ein Konglomerat, das zentrale Fragen künstlerischer Auseinandersetzung formuliert: Jene nach den Möglichkeiten und Widersprüchen von Abbildern und ihren Lesarten.
Was ist und was vermag Darstellung und in wie weit ist sie von sich aus abstrakt? Was sagt uns ein Bildnis über sein Objekt und worüber ist es nicht in der Lage, Informationen zu geben? Was passiert in einer Bild-im-Bild-Komposition, wie wird das Medium selbst dabei sichtbar?
Und welche Rolle nimmt unsere subjektive Wahrnehmung dabei ein?

Sabina Hörtners Arbeit gibt Fragen auf, die sich nicht mit einfachen Antworten klären lassen und provoziert damit ein Nachdenken über unser Verhältnis zur Natur sowie über die Wahrnehmung von (Ab-)Bildern.

Ich darf die Zeichnung als Dank und zur Erinnerung mit nach Hause nehmen. Sie ist ein Geschenk der Künstlerin und zwingt mich gleichsam zum Versprechen an die Iris sibirica, aufmerksam zu bleiben.

Regina Novak, Juni 2014.